Gewaltfrei und Sicher

 



Was ist Selbstverteidigung und Notwehr?

Selbstverteidigung

Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung und die Abwehr von Angriffen auf die seelische oder körperliche Unversehrtheit eines Menschen bezeichnet. Die Spannweite solcher Angriffe ist sehr groß und reicht von unbedachten Äußerungen, über Beleidigungen, Mobbing und Körperverletzung bis zu schwersten Gewaltverbrechen. Dabei ist jedoch immer die Ausübung von Macht das Ziel des Täters. Die weit überwiegende Anzahl solcher Angriffe wird nicht von Fremden, sondern von Bekannten (Mitschüler, Verwandte, Ehepartner) verübt. Es existiert eine Reihe von Maßnahmen zur Abwehr solcher Angriffe.

Wir unterscheiden daher zwischen Vermeidung, Selbstbehauptung und Abwehr.

    Vermeidung: Hier geht es darum potenziellen Gefahren direkt aus dem Weg zu gehen oder Sie auszuschließen. Wo keine Gefahr ist, kann sie also auch nicht eintreten.

    Beispiele für die Vermeidung eines Angriffes:
    Wenn Kinder nicht zu Fremden ins Auto steigen oder die Haustür nicht öffnen wenn es klingelt. Dadurch vermeiden sie potentiell gefährliche Situationen. Um gewisse Menschengruppen lieber einen Bogen machen, Abkürzungen durch menschenleere Gegenden vermeiden, sich nicht verbal provozieren lassen. Auch diese Handlungen vermeiden eventuell bevorstehende Angriffe.

     

      Selbstbehauptung / Außenwirkung: Da bei einem Angriff oft die Ausübung von Macht das Ziel des Täters ist, sucht sich der Täter oft vermeintlich schwache Gegner (Opfer) aus. Um diese Opferrolle zu verlassen, hilft oft schon das eigene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses führt dazu, in der Öffentlichkeit nicht hilflos oder überängstlich zu wirken, sondern durch das Auftreten zu vermitteln, sich im Zweifelsfall helfen zu können. Auch das klare NEIN welches mit der Körpersprache übereinstimmt ist ein klares Zeichen kein "Opfer" zu sein.


      Beispiele für die Selbstbehauptung oder Außenwirkung:
      Wenn Kinder nicht alleine, sondern mit Freunden zur Schule gehen, wenn sie sich auch auf dem Pausenhof nicht alleine oder in schwer einsehbaren Ecken aufhalten, sondern in der Nähe der Aufsicht, schrecken sie mögliche Angreifer ab.

      Wenn ein Mann oder eine Frau selbstbewusst, mit breiter Brust an einer Menschengruppe vorbei geht oder eine Person nicht ängstlich auf dem Nachhauseweg vor jedem Busch stehen bleibt werden viele Täter lieber aufgrund der sicheren Ausstrahlung auf das "nächste Opfer" warten.


        Abwehr: Die Abwehr eines Angriffes wird erforderlich, wenn Vermeidung und Selbstbehauptung nicht funktioniert haben und ein Täter dennoch angreift.


        Zu unterscheiden sind zwei Fälle: 

        Der Angreifer ist ein Fremder - es handelt sich um einen einmaligen, akuten Angriff. Dann ist das wichtigste Ziel, die Situation entweder zu beenden oder ihr zu entkommen um Hilfe zu erhalten.

        Der Angreifer ist ein Bekannter oder Verwandter - der Angriff kann auch über einen längeren Zeitraum andauern. Hier ist Entkommen oft schwieriger, zum Beispiel für Kinder oder finanziell Abhängige. Dann ist das wichtigste Ziel, die Grenzen zu setzen und damit die Situation zu beenden. Ein Angreifer der plötzlich keine Macht mehr über sein Opfer hat oder gar bemerkt das er in die unterlegene Machtposition gerät, wird sehr oft von einem weiteren Angriff absehen um nicht selbst in die Opferrolle zu geraten.

         

        In diesen Fällen, in denen die Abwehr eines Angriffes die einzige Option ist, ist es wichtig intuitiv handeln zu können ohne lange nachzudenken. Für solche Momente eignet sich daher ein regelmäßiges Training in Selbstverteidigung.

        Grundsätzlich haben Opfer eine reelle Chance, aus einer Situation herauszukommen, wenn sie sich zur Wehr setzen, denn:

          Täter lassen aus Schmerzreflex los
          Sie werden verunsichert
          „Kein klassisches Opferverhalten“ bringt sie aus dem Konzept



        Notwehr / Nothilfe

        § 227 BGB - Notwehr: Eine durch Notwehr gebotene Handlung ist nicht widerrechtlich

        Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden. 

        Definition

        Gegenwärtigkeit: Zunächst einmal muss der Angriff gegenwärtig stattfinden. Das bedeutet etwas genauer ausdifferenziert der Angriff muss unmittelbar bevorstehen, gerade stattfinden oder immer noch fortdauern.


        Beispiel:

          Angreifer holt zu einem Faustschlag aus. → unmittelbar bevorstehend
            Angreifer schlägt dem Opfer ins Gesicht. → gerade stattfindend
              Angreifer hält das Opfer in einem Würgegriff und lässt ihn nicht frei. → fortdauernd


              Die Angriffe des Angreifers sind alle rechtswidrig und damit verboten (hier konkret: § 223 StGB – Körperverletzung) und fallen damit unter den Paragraphen § 32 StGB.

              Erforderlichkeit: Die Notwehrhandlung muss erforderlich sein, das heißt sie muss geeignet sein um den gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff effektiv abzuwehren und zugleich das relativ mildeste Mittel unter den verfügbaren Verteidigungsmitteln darstellen. Das relativ mildeste Mittel ist immer das, welches den geringsten Schaden verursacht. Der Angegriffene muss sich allerdings nicht auf eine womöglich unzureichende Abwehrhandlung einlassen. Es findet beim Notwehr im Gegensatz zum rechtfertigenden Notstand (§ 34 StGB) prinzipiell keine Rechtsgüterabwägung statt, dennoch muss die Verteidigungshandlung und deren unmittelbare Folgen im Verhältnis zu dem zu erwartenden (Eigen-) Schaden stehen!

               

              Nothilfe 

              Bei der Nothilfe (auch unter Notwehrhilfe bekannt) handelt es sich um eine Notwehrhandlung, die zugunsten eines Dritten geleistet wird. Der Angegriffene ist also nicht der Handelnde selbst, sondern ein helfender Dritter. Sie ist daher eine besondere Form der Notwehr.

              Bei der Notwehr – und damit bei der Nothilfe (Notwehrhilfe) – handelt es sich um einen sog. Rechtfertigungsgrund.

               

              Notwehrexzess 

              Ein Notwehrexzess liegt nach § 33 des Strafgesetzbuches (StGB) dann vor, wenn der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken überschreitet. Die (Rechts-)Folge eines solchen Exzesses ist, dass die Tat straffrei bleibt, da der Täter nicht schuldhaft gehandelt hat. Daher wird der Notwehrexzess im Rahmen der Schuld geprüft.